Klimasünde Fernweh | CO2 ausbalancieren ?

Klimasünde Fernweh | CO2 ausbalancieren ?

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Klimasünde Fernweh

Ob und wie man ökologische Sünden wie Fliegen ausgleichen kann

 

Dieses Jahr ist anders. Fridays For Future startete, die Grünen wurden zur neuen Volkspartei und auch ich (wie viele andere) hinterfrage immer mehr, wie nachhaltig ich eigentlich lebe…Es war nur eine Frage der Zeit, bis unser Reisverhalten in die Schusslinie gerät.

Anfang Juli war in Nürnberg ein riesen Klimacamp. Wir waren währenddessen auf Studienfahrt in Sorrent, jedoch hätte ich es eh nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können, dort groß gegen den Klimawandel zu demonstrieren und dann fröhlich nur wenige Wochen später munter in den Flieger nach Bali zu steigen. Ich präsentiere: Doppelmoral deluxe.

Und doch bin ich so oft es geht bei den Demos dabei, lebe zu 95% vegan (Cowspiracy brainwashed, hehe), nehme immer immer immer meine Jutebeutelchen zum Einkaufen mit (oder habe mir mittlerweile gute Strategien zum Kauf von losen Lebensmitteln angeeignet, Weintrauben-Winker, Tomaten-T-Shirt-Transport oder auch der besonders häufig angewendete Sofortverzehr), kaufe hauptsächlich auf Flohmärkten und Kleiderkreisel mein Zeug und im Vergleich zu vor ein paar Jahren ist meine ganze Einstellung weeeeesentlich nachhaltiger geworden. Die Diskussion über das ’schon immer da gewesene Schnitzel‘, das anscheinend ähnlich eines Fossils schon immer im Supermarkt lag und dort, bereit zum Kauf, auch für immer und ewig dort liegen wird, ist mir mittlerweile meine Worte nicht mehr wert.

Und jetzt? BÄM, 6.440 kg Co2 für ein 3 andhalb Wöchelchen langes Urlaubsvergnügen. Aber ja, ich bin gerade in diesem Moment dabei, diese zwei ausgewachsenen Elefanten aus CO2 auf mein ganz persönliches Klimakonto zu laden.

Dennoch kann ich nicht glauben, dass meine Bemühungen das ganze restliche Jahr über umsonst gewesen sind. Das soll keineswegs eine Art Rechtfertigung sein, eher ist es reine Interesse, wie stark die verschiedenen Faktoren den ökölogischen Fußabdruck beeinflussen.

 

Kopfwäsche: Wie grün lebt man wirklich?
Kopfwäsche: Wie grün lebt man wirklich?

 

Basic-Facts für 1 Jahr

Co2-Jahresbudget/Jahr*: 2300kg CO2

*um das -an die Unmöglichkeit grenzende- Klimaziel von 2°C Erderwärmung bis 2050 zu schaffen

Flug: +6440 kg CO2

 

Food

PFLANZEN

Mit einer pflanzenbasierten Ernährung kann man etwa 670kg Co2 (2t Treibhausgase gesamt) einsparen. Klingt viel, doch irgendwie ernüchternd, wie wenig ein Jahr ‚Verzicht‘ im Vergleich zum Fliegen unsere Umwelt beeinflusst. Dennoch: es gibt keine nachhaltigere Ernährung und die ethischen und gesundheitlichen Argrumente sprechen ebenso dafür…

SAISONAL über LOKAL

Wer lokal kauft –und das gilt nicht nur für Lebensmittel- spart (teilweise absolut absurd umwegreiche) Transportwege und somit auch CO2. Viel wichtiger als lokal ist jedoch, dass das Obst oder Gemüse gerade Saison hat. Somit haben beispielsweise Tomaten, welche regional, jedoch im Winter gekauft werden, einen CO2 Verbrauch von etwa 2,5kg/kg, wobei spanische Tomaten nur etwa 1kg Co2/kg beanpruchen. (Gründe: u.a. starke Beheizung, Anpassung der Böden…)

Super interessant finde ich auch den Klimatarier-CO2-Bilanzrechner, mit dem man für jedes Lebensmittel den durchschnittlichen Co2 Verbrauch sehen kann…

don't panic, it's organic?
don’t panic, it’s organic?

 

PLASTIK

Plastiktüten zu vermeiden (nicht nur im Supermarkt) spart nur etwa 120 Gramm CO2/ Tüte.  Rechnet man mit den jährlich 70 durchschnittlich benutzten Plastiktüten in Deutschland, sind das nur 840g eingespartes CO2. Natürlich gibt es aber noch viiiel mehr Plastik als nur diese kleinen Tüterlas, dabei rechnet man mit etwa 6kg CO2/ kg Plastik. Deutscher Durchschnitt mit etwa 38kg/Plastik pro Jahr ergibt etwa 228kg CO2 Verbauch, rein durch Plastikverpackungen.

Jedoch auch hier: die Vermüllung unserer Meere und das Sterben von Meerestieren und Vögeln haben in diesem Punkt rein gar nichts mit dem CO2 Verbrauch zu tun, sind aber mindestens genauso wichtig!!*

*Jutebeutel lohnen sich übrigens Ökobilanz-mäßig erst, wenn sie je nach Größe 30 bis sogar 150 mal verwendet werden. Ich wasche meine auch öfter, jedoch mittlerweile mit der Hand, weil die Beutelchen einfach super schnell eingehen.

 

Mobilität

Fahrrad statt Auto:

Geboren aus den Missständen mit den Öffis (sau teuer & sau verspätet), fahre ich jetzt seit mittlerweile 3 Jahren so oft es geht mit dem Rad zur Schule (und eigentlich auch sonst überall hin). Die 20km Strecke (hin und zurück) mal die etwa 200 Schultage sind 4000km; ausgehend von unserem Auto (ca. 200g Co2/km) sind das etwa 800kg CO2 Einsparung pro Jahr.

Zug statt Auto:

Mit den Öffentlichen hat man pro Person einen CO2 Aufwand von etwa nur etwa 14,5g/ km. Mit dem sportlichen-Schulweg Beispiel wären es hier etwa 58kg Co2  Ausstoß pro Jahr und somit 742kg Ersparnis im Vergleich zum Auto.

 

SECOND HAND

Zugegeben, mir gefällt das kruschen und Schätze aus alten Zeiten zu finden, sowie Schnapper machen extreeeem gut 🙂 Doch die Umwelt freut sich mindestens genauso! Solange man einigermaßen ‚lokales vintage‘ kauft, also kein extra importiertes und nochmal schön mit fett Chemie gebleichtes Zeug *hust Urban Outfitters hust hust*.

Die aufgewendeten Ressourcen ‚teilen‘ sich ja sozusagen durch jede Hand mehr, durch die das Stück geht. (oder sind bereits auf dem Konto des Erstkäufers??)

Ein Kilo spart jedenfalls bis zu 3,5 kg CO2 im Vergleich zur Neuware. Aber auch wenn das jetzt wie eine Art Freischein für eine Flohmarkt-Eskalation klingt, am aller aller besten ist immernoch ein bewusster Konsum und das gilt für alle der genannten Punkte 🙂

 

FAZIT

Auch wenn das alles supidupitoll klingt, wie viel man tun und CO2 sparen kann, ganz ehrlich: die knappen 6,5 Tonnen CO2 für den Flug kann ich einfach nicht mehr wett machen. Nicht mal ansatzweise. Die Recherche war für mich sowohl schockierend als auch schmerzhaft. Zu gerne hätte ich mit Hummus und Gemüsesticks knabbern und Flohmarkteinkäufen mein Gewissen reingewaschen. ‚Ich kann mir das erlauben, ich mache ja sonst sooo viel‘-mäßig. -Pustekuchen.

Wie ich überhaupt noch schlafen kann, mit so einem fetten Fußabdruck voller Kohlenstoffdioxid? Ich weiß es nicht. Einerseits schaut man natürlich auf die 200 weiteren Passagiere im Flieger…, ach was, auf die Tausenden anderen am gesamten Flughafen. Doch hier sind wieder beim Fossilien-Schnitzel: irgendwer muss anfangen aufzuhören.

Andererseits bringen einen Reisen -meiner Meinung nach- auch extrem zum Wachsen. Man lernt neue Kulturen, aber eben auch sich selbst besser kennen. Und das ist für mich, aber anscheinend auch für viele andere ein extrem hoher Wert, das habe ich auf meiner bisherigen Reise gemerkt, weswegen ich auch sehr sehr ungern darauf komplett verzichte. (ja, in dem Punkt steckt in mir auf jeden Fall ein kleines bis mittelgroßes Egoistenschwein(chen))

 

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Ob ich das auch mit einer Zugreise an die Ostsee herausgefunden hätte? Ich weiß es nicht, aber diese Fahrt steht auf der Nummer 1 meiner Reiseliste 😉

Seid ihr diesen Urlaub weggeflogen? Wie steht ihr zu dem Thema? 🙂

 

 

-Edit- Atmosfair & Co

Etliche Programme sind die letzten Jahre aufgetaucht, für Menschen wie ich die genau mit diesem Gewissenskonflikt zu kämpfen haben. Das System ist easy: Das beim Fliegen freigewordene CO2 wird durch CO2-minimierende Projekte ‚ausgeglichen‘. Eine schöne Idee. Doch Geld für ein gutes Gewissen? Irgendwie erinnert mich das stark an mittelalterliche Ablassbriefe. Besser als sich gar keine Gedanken über die Flieger-Umwelt-Problematik zu machen? Auf jeden Fall! Ein Freifahrtschein für wildes Umherfliegen? Nope. Vor allem bei den ‚Klimaausgleichen‘ bei bspw. Ryanair, bei denen es sich meist um niedrige Centbeträge handelt. Meiner Meinung nach reines Reinwaschen von Image und Gewissen.

 

 

Quellen:

https://www.atmosfair.de/de/kompensieren/flug/

https://www.vcd.org/themen/klimafreundliche-mobilitaet/verkehrsmittel-im-vergleich/

https://www.adfc-bw.de/radzurarbeit/einspar-rechner/

https://www.duh.de/themen/recycling/plastik/plastiktueten/

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20170731_OTS0030/oesterreichweite-willhaben-nutzung-schafft-oeko-mehrwert-von-rund-15-millionen-baeumen

 

 

 



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